Where are we now (2013) nimmt Bezug auf den gleichnamigen Song von David Bowie. In der Ballade besingt der Musiker mit brüchiger Stimme seine besondere Beziehung zu Berlin. Die Stadt, die er in den 70ern erlebte, gibt es nicht mehr: Mauerfall und Hype sind über die Stadt hinweg gegangen, haben sie in kürzester Zeit verändert. Insbesondere Gegenden wie der Potsdamer Platz, sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Wie der Song setzt sich die Ausstellung mit der Welt als Ort ständiger Veränderung auseinander, in der der Mensch sich permanent neu
orientieren und finden muss.
Where are we now. Neues Wissen, neue Bilder breiten sich innerhalb von Sekunden wie ein Tsunami aus, selbst die geringste Information verbreitet sich binnen kürzester Zeit über die Welt. Nichts bleibt mehr verborgen, Grenzen verschwimmen, wo endet die „Privacy“ und wo beginnt der öffentliche
Raum? Was wollen wir, wo stehen wir? Die ausgewählten vier Künstler stehen mit ihren unterschiedlichen Positionen für eine Welt, in der alte Wertekanons irrelevant werden und die Verortung des Ich immer komplizierter wird. Die Rastlosigkeit des täglichen Lebens, eine sich permanent wandelnde Umwelt gewährleisten keine Stabilität mehr. Sie zwingt zu einer ständigen Neuorientierung und Redefinition des Ichs, weshalb viele Arbeiten in der Ausstellung zwischen Konstruktion-Dekonstruktion oszillieren.

Kunst und Kultur spiegeln diese tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen mit ihren eigenen Mitteln: Die Künstler verwerfen alte Kanons und schaffen ihre eigenen Entwürfe von Welt. Gregor Hildebrandt und Gerold Miller knüpfen mit subtiler Kritik an die geometrisch abstrakte Bildsprache der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts an. Während Gregor Hildebrandt mittels Tonbändern Musik zu Bildern und Erinnerungsräumen verarbeitet, führen Gerold Millers tief in der Gegenwart verankerte Arbeiten an die Schnittstelle von realem und
simulierten Raum. Dem gegenüber stehen Lothar Hempel oder Bernhard Martin. Sie haben sich einer figurativen Bildsprache verschrieben, mit der sie poetisch und zugleich ironisch die Zerbrechlichkeit ihrer/unserer Welt darstellen und die seit jeher existenzielle Frage des „wohin?“ stellen.
Ein wesentliches Element des Ausstellungskonzepts ist daher auch, dass ein reduziertes formales Vokabular mit einer expressiv-figurativen Sprache so kombiniert wird, dass aus der Kollision unterschiedliche visuelle Erfahrungen entstehen. 
Das Gesamtbild, das Where are we now entwirft, ist fragmentarisch und nicht absolut. Als Entwurf soll die Ausstellung transparent machen, wie zeitgenössische Künstler vor dem Hintergrund dieser ständigen Veränderungen ihre eigenen Visionen vom Hier und Jetzt in unserer Welt entwickeln. Die Perspektiven, die sich
daraus ergeben, sind nicht immer neu, aber durchaus überraschend. 
As long as the sun shines....


Dr. Friederike Nymphius, 2018