Vom Bodensee durch das Rheintal nach Sils i.D. im Kanton Graubünden. Zum ersten Aufeinandertreffen mit Conrad Jon Godly in seinem Atelier sind es zwei Stunden Autofahrt, die geprägt sind von Vorfreude, aber auch von Skepsis. Halten die Bilder, was ihre Reproduktionen versprechen? Sind sie im Original wirklich so gut, wie es die Fotografien erahnen lassen? Dann, Ankunft in Sils i. D.. Ein kleines Dorf in der Nähe von Chur am Fuße des Engadins. Schon auf dem Hof des Industrie-Areals fällt der Blick auf einen Ausschnitt eines gewaltigen Bergmassivs, das zwischen den Giebeln der umliegenden Gebäude hervorlugt. Kurze Zeit später, im Studio, umgeben von Berglandschaften unterschiedlichen Formats, ist schnell klar: Die Präsenz und die Wucht dieser Bilder sind umwerfend, ihre Direktheit absolut überzeugend. Sie packen einen genau an der Stelle, wo das begrifflich Fassbare an seine Grenzen stößt. Sie sind kraftvoll, emotional und authentisch. Sie sind, wie Godly selbst sagt, „eine Homage an die Natur“.

Godly erzählt, wie er auf langen Spaziergängen mit dem Hund in den Bergen unterwegs ist. Er spricht von der Natur, die ihm Anlass zur Malerei geworden ist und deren Gesetzmäßigkeiten er in die Kompositionen, Strukturen und Texturen seiner Bilder überträgt. Dabei bildet Godly niemals ab. Seine Arbeiten entstehen stets im Atelier und ohne fotografische Vorbilder. Sozusagen als Substrat des Gesehenen.Methodisch nähert er sich Schritt für Schritt seinen Motiven an. Seine Formate vergrößert er sukzessive von zunächst 09 x 12 Zentimeter bis zu monumentalen 260 x 350 Zentimetern. Dabei wächst die Werkzeuggröße mit dem Bildformat und was im Kleinen kompositorisch Klärung findet, wird im Großen in zunehmender Physis perfektioniert. Bis zu 40 Kilogramm Farbe werden auf Großformaten in relativ kurzer Zeit mit großem Malgerät verarbeitet. Reliefartig erhebt und vertieft sich die Ölfarbe. Krater und Risse materialisieren sich auf der Leinwand und bilden zusammen mit glatten, ausgesparten Flächen die Grundlage für das Wechselspiel von Licht und Schatten. Je nach Tageszeit und Lichtsituation verändern sich auch die Bilder. Eben genau so, wie in der Natur selbst.

Überhaupt lässt Godly dem Licht sehr große Bedeutung zukommen. Hier spürt man vermutlich den Fotografen, der er war, bevor er sich 2005 radikal für ein neues Leben als Maler entschieden hat und sich von der internationalen Bühne der Modefotografie in die Abgeschiedenheit seiner Heimat zurückzog. Eine Entscheidung, ohne die die aktuellen Arbeiten gar nicht denkbar wären und deren Tragweite in der Konsequenz zur Authentizität des künstlerischen Schaffens von Conrad Jon Godly zweifelsfrei beiträgt.

Im klassischen künstlerischen Schaffensprozess, der von der Wahrnehmung über die Reflektion zur Produktion führt, gelingt es dem Schweizer, seine persönliche Seh-Erfahrung ins Universelle zu übertragen um so den Betrachter daran teilhaben zu lassen.Vor dem kunsthistorischen Hintergrund der Deutschen Romantik sowie alpenländischer Vertreter der Landschaftsmalerei, wie Giovanni Segantini oder Alfons Walde, entwirft Godly ein zeitgemäßes Gegenmodell zu Strömungen der zeitgenössischen Malerei. Dieses stellt das Naturerlebnis in den Mittelpunkt, ohne die grundlegenden Fragen des Genres selbst zu vernachlässigen. 
Was will man mehr!
                                                  
Florian Schmid